Interview

Mit Marco Spinner

Welche Stränge ziehen sich durch Ihre fotografische Arbeit?

Es sind zwei unterschiedliche Arten vorzugehen. Zum einen sind das Arbeiten die stark fragmentarisch sind und vor allem Symbol werden. Maximal reduzierte Bildinhalte erzeugen eine möglichst vielschichtige Lesart. Hier ist immer auch der Rand ein aktiver Teil des Bildes. Die Ausschnitte lösen den Bildinhalt aus dem Kontext. Sie nutzen und verstärken die Eigenarten des Mediums Fotografie, einen Ausschnitt zu schaffen und Bildteile in einen gewählten, flächigen Zusammenhang zu bannen. So schaffe ich Bilder, die wenn wir wie gewöhnlich durch den Tag gehen, verborgen bleiben. Als Serien entwickeln sie einen ganz eigenen „Sound“. Auch ist hier immer von Bedeutung, dass die Bilder im Spiel miteinander mehr schaffen als ein simples 1+1.

Zum anderen sind es Arbeiten die konstruktiver und faktischer aufgebaut sind und mehr ausschauen wie man sich „Deutsche“ Fotografie vorstellt. Sie werden aber weder dokumentarisch noch feststellend. Da ist immer auch ein symbolischer Anteil. Und auch das schwer in Worte zu fassende Moment, das ein Bild zur Projektionsfläche für Geschichten des Betrachters werden lässt.

Erzählen Sie ein wenig davon, wie Ihre Bilder entstehen. Den Auslöser zu drücken ist an sich ja ein sehr simpler Akt.

Das stimmt. Der Fotoapparat macht im Bildschaffen den Pinselstrich obsolet. So bleiben nur Auge und Geist, die das Bild bestimmen. Die Anforderungen an beide sind so zu sagen erhöht.

Meine Bilder sind das Ergebnis einer Reise im Geist. Im Prozess des Fotografierens strebe ich danach jenseits des diskursiven Denkens unterwegs zu sein. Normalerweise sehen wir eine Szene und beginnen unvermittelt damit sie gedanklich zu bezeichnen: “Schön… hell… blau… Baum… Hütte… Himmel… Wolke… Kuh… Zaun… Stromleitung… Schuhe… Straße… Gehweg… Asphalt… Kiesel… Fingernagel… weit… majestätisch…” – und das geistige Geplapper geht ansatzlos weiter. Nun ist es auch möglich das Sehfeld in der reinen Sinneswahrnehmung zu belassen. Dann wird der Eindruck unbeschreiblich. Am Geschmackssinn lässt sich das griffiger nachvollziehen. Nehmen wir ein Erdbeer-Bonbon in den Mund und lassen alle beschreibenden Worte weg. Dann wird der Geschmack auf der Zunge unbeschreiblich. Wie unmittelbar und wunderbar das sein kann.

Wie finden sie die Worte, die Ihre Arbeiten begleiten?

Je nach Serie wähle ich unterschiedliche Ansätze. Mal sprudeln die Worte aus dem Unbewussten an die Oberfläche. Gerade in Momenten, in denen man es nicht erwarten würde. Dann stehe ich schon mal morgens um zwei seltsam anzuschauen an der Bar inmitten tanzender Körper und schreibe versunken in mein kleines Notizbüchlein. Das trage ich stets bei mir.

Ein anderes mal sind die Worte die destillierte Essenz einer Erfahrung oder einer Einsicht. Hier folge ich der Frage wie eine hart gewonnene Erkenntnis in so wenigen Worten wie möglich so kraftvoll wie möglich auszudrücken ist. Der erste Entwurf steht dann recht schnell, sobald das Thema im Hinterstübchen des Geistes lange genug reifen konnte. Dann geht es darum liebevoll zu feilen. Hierbei kommt es nicht auf Ausdrücklichkeit an, sondern darauf, dass der Betrachter beim Lesen einen möglichst vielschichtigen Raum im Kopf öffnen kann.

Unter wieder anderen Umständen kommen die Worte Fotografien gleich, sind sorgfältig gewählte Fragmente aus dem Wortraum, der die Bilder umgibt.

Stets fügen die Worte den Bildern weitere Schichten der Interpretation hinzu. Teils lassen sie im Geist des Betrachters imaginierte Bilder entstehen.

Ein wichtiger Teil des fotografischen Prozesses ist die Bildauswahl. Wie gehen Sie da vor?

In der Autorenfotografie entstehen Bilder, damit sie ein Publikum betrachtet, sich davon berühren lässt. Und idealerweise wird auch ein Publikum sie anschauen, das erst in einigen Generationen geboren wird. Die zentrale Frage ist in meinen Augen die nach der Relevanz. Oder wie ein Kollege sagt – die Bilder müssen zuerst den “What The Fuck”-Test bestehen. Was wäre, wenn es dieses Bild nicht gäbe? “Auch egal.” wäre dann die Antwort, die dazu führt das Bild still zu archivieren.

Ich bin stets in mein neuestes Bild verliebt. Manchmal endet die Liebesaffäre schon nach einer Nacht. In seltenen Fällen entwickelt sich eine begründete und mehr abgeklärte Freundschaft. Das sind dann die Bilder, die eine Runde weiter sind auf dem Weg in die Öffentlichkeit. Doch bis dahin brauchen sie von Partnern und Editoren erst noch befördert werden. Ich finde der Blick berufener Dritter ist unerlässlich. Zu viel eigener Kontext ist da zum einzelnen Bild um hart und objektiv genug damit umgehen zu können. Zum Schluss sind drei bis fünfzehn Motive aus Tausend verwendbar.

Wie entstehen Ihre Serien?

„Listen to the Pictures!“ fasst es in einer Maxime zusammen. Erst gibt es nur eine vage Idee, einen leisen Impuls zu einer Serie. Dann gilt es los zu legen und Bilder zu machen. Den Kopf und die Konzepte zuhause lassen, das behindert. Gibt es genug Material ist zweierlei zu erreichen. Das Konvolut auf die starken Bilder zusammen zu dampfen. Und daraus – immer in der Sprache der Bilder bleibend – zu kristallisieren um was es wirklich geht. Anschließend wieder losziehen, viel weniger Motive finden und so fort bis die Serie schlüssig ist. Es ist sozusagen ein Prozess, der im Dunkeln beginnt und sich dann über die Bilder und ihre Sprache immer mehr zuspitzt und erhellt. Manchmal fühlt es sich wie ein Fallen ohne Boden, ein Hineintaumeln oder Hineintanzen an. Wichtig ist noch zu sagen, dass das Vorgehen sehr bewusst ist. Nur wird erst nach einer guten Strecke Weg das Konzept und der innerer Zusammenhalt klar. Und die Steuerung läuft über die Bilder und ihre Sprache, nicht über das rein Zerebrale.

Warum fragen gerade bei Fotografie die Betrachter schon mal nach der Kamera?

Ja, die Frage kommt vor. Und sie ist eigentümlich. Wie viele Leute würden schon den Maler fragen, welche Marke an Pinseln er verwendet hat? Vielleicht ist es die am nächsten liegende Frage. Über Bilder an sich zu sprechen, zu beschreiben was wir im Bild sehen und was wir in es hinein projizieren haben wir ja in der Regel nicht gelernt. Auch wird eine Rolle spielen, dass uns die Kamerahersteller einflüstern das Gerät habe einen wesentlichen Einfluss auf das Bildergebnis, ja gar die Kreativität. Was bei Tag betrachtet natürlich Unfug ist. Auge und Geist bestimmen das Bild, der Apparat spielt nur eine ermöglichende Rolle.

Sie haben zwei Serien mit dem iPhone aufgenommen. Autorenfotografie mit dem Smartphone, das ist noch ein recht neues Thema…

Es ist interessant, dass Smartphones als Kamera die Menschen zum debattieren bringen. Die einen sprechen ihnen gleich die Eigenschaft eines Fotoapparats ab. Die anderen schließen sie als ernsthaftes Werkzeug aus.

In der Diskussion herrscht doch ein gerütteltes Maß an Verwirrung. Auch wenn das völlig offensichtlich erscheint, meine ich doch es feststellen zu müssen: Smartphones haben ein Objektiv, einen Sensor, einen Sucher und einen Auslöser. Sie produzieren Fotos. Damit sind sie Kameras.

Der Raum der Bildmöglichkeiten eines Smartphones ist nur eben anders. Diesen Raum kann man erforschen und dann die Bilder machen, die mit Hilfe dieses Werkzeugs als Bild gut funktionieren. Es ist sozusagen eine Rückkopplung zwischen Auge, Werkzeug und Wirkung des Bildes auf den Betrachter.

Auch braucht der Fotograf mit einem Smartphone aus sich heraus behutsam arbeiten, um gute Bilder zu schaffen. Anders eine Fachkamera auf einem Stativ zum Beispiel hilft dabei mit behutsam zu sein. Die aufwändigere Art der Bedienung trägt dazu bei.

Sie haben beruflich zwei Jahrzehnte Vermögen bewahrt. Wie kam es, dass Sie sich mit Ende Dreißig der Kunst widmeten?

Die Wende kam mit einem Spaziergang durch den Münchener Hofgarten. Es war der Sommer im Jahr 2008. Die Mittagssonne stand über den prächtigen Bäumen und die Blumen lachten aus den Beten. Nur davon bekam ich nichts mit. So sehr war der Kopf in Gedanken um die Finanzkrise verstrickt, denn wir verwalteten einen Hedgefonds, der unmittelbar betroffen war. Später wurde klar, so sehr das Abstrakte in der Welt der Finanzen intellektuell reizt, so sehr entfernt es vom Leben. Mitten hinein ins Leben – da wollte ich hin.

Der Weg führte über ein Jahr „Driften“. Ohne Programm, ohne Bestimmung, ohne Beruf. Rückblickend war das nötig, um von der alten Schiene runter zu kommen. Interessant ist, dass in meinem Umfeld einige Leute Angst erfuhren, wenn ich Ihnen von der zwecklosen Phase erzählte. Irgendwann habe ich dann aufgehört davon zu erzählen.

In der Zeit tauchte die Fotografie als Leidenschaft aus Teenagertagen auf. Es gab genug Zeit heraus zu finden, wo in der Fotografie die innere Flamme auflodern kann. Am Ende war dieser Ort die Autorenfotografie – Projekte selbst setzen, verfolgen und veröffentlichen. Wirtschaftlich war die Wahl hoch riskant. Am Ende aber so was von richtig!

Sind Sie Autodidakt?

Ja und Nein. Ja, weil es da kein Kunststudium gab. Nein, weil wunderbare Lehrer meinen Weg begleiten. Besonders Wolfgang Zurborn verdanke ich unendlich viel.

Wohin führt Sie Ihr Schaffen heute und in Zukunft?

Sicher gibt es im Spiel von Fotografie und Wort noch viel zu erkunden. Und dann bin ich mit der Zeit mutiger geworden und habe meinen Schaffenshorizont erweitert. So entstehen Skulpturen und Objekte, die die Tradition der Konzeptkunst fortsetzen.