Runter vom Thron

Das Ego entmachten

Mit rätselhaften und symbolgeladenen Bildern versetzt uns Marco Spinner in einen tagtraumähnlichen Zustand. Im intensiven Empfinden von Situationen und Objekten sucht er einen Beleg für die eigene Existenz. Die abgebildeten Gegenstände wirken losgelöst von ihrer Funktion und gewinnen dabei eine starke sinnliche Präsenz. – Wolfgang Zurborn

“Gibt es ein Selbst?” Diese Frage begleitet mich schon lange Zeit. Aber warum soll das interessant sein? Es ist eine der zentralsten Fragen zur menschlichen Existenz. Sie prägt unser Erleben von Grund auf. Wenn wir ein Selbst annehmen, dann handeln wir uns automatisch das “Andere” ein. Dann gibt es das Ich und eine davon getrennte Umwelt. Zum einen verursacht diese angenommene Spaltung subtil aber grundlegend Leid. Dieses Abgetrennt-Sein ist im Alltag unterdrückt. Bleibt aber stets präsent. Zum anderen billigen sich negative Gedanken, Gefühle und Handlungen anderen gegenüber viel leichter. Es sind ja die anderen, abgetrennt eben. Auch entwickelt sich mit dem Selbst das Ego weiter und weiter bis hin zur Neurose. Der Buddha fand in der Nacht seiner Erleuchtung – es gibt kein Selbst: anatman, no self. Diesem Weg folgend – in der Meditation – darf das Ego schrumpfen, kann gar ausgehebelt werden.

Während die Serie “Runter vom Thron” entstand, unternahm ich den Versuch ein Selbst mit Hilfe von Fotografien zu belegen. Sie sind oberflächlich betrachtet auch ein gutes Mittel. Sie belegen quasi objektiv und außerhalb der Vorstellung “Wir waren dort.” Letztendlich, gelang der Beweis nicht. Das Selbst ist ein zu geisterhaftes, ja verworrenes Konstrukt. Egal wo man ganz tief hinein schaut, das Selbst ist nicht dingfest zu machen.

Die fotografische Arbeit ergänze ich mit Worten, die der Buddhistischen Theorie zum Selbst entlehnt sind. Den fünf Skhandas. Daraus entstand ein Kartenset und eine Wandinstallation. Mit beiden kann der Betrachter oder Verwender für sich auf die Suche nach dem Selbst gehen. Oder sich damit an diese so wichtige Frage erinnern.